Die Renaissance von Typo3

Es muss 2000 oder 2001 gewesen sein, als ich das letzte Mal mit typo3 in Berührung kam. Obwohl mir das CMS mächtig und vielversprechend erschien, verschwand es wenige Jahre später wieder von meiner Bildfläche. Andere CMS waren schlanker, moderner. Es war trendy eigene CMS zu entwickeln. Tatsächlich habe ich mit PHP3/4 auch einen ersten Versuch gestartet, ein eigenes CMS zu programmieren, aber dann kamen andere Sachen dazwischen. Mit PHP war der Weg dahin mehr
oder weniger straightforward. Allerdings liess sich jedoch auch erahnen, daß hier mit allen Mitteln der Softwareentwicklung vorgegangen weden muss, um ein tragfähiges, skalierendes Ökosystem zu schaffen, das mit den Ansprüchen mitwächst, und nicht eine immer unübersichtlichere Sammlung von globalen Funktionen und Ausnahmen wird. Jeder der in den Nuller Jahren ein CMS selbst gestrickt hat, um es spätestens in den 2010er Jahren wieder zu verwerfen, wird wissen was ich meine.
Aber zurück zu typo3: Für mein Empfinden krankte das System an der Verkapselung von Funktionalitäten. Zwar liess sich ziemlich einfach eine Website damit zusammenbasteln, aber was wirklich unter der Haube passiert (TemplaVoila, TypoScript) bliebt doch nicht selten ein Geheimnis.
Sobald man etwas eigenes brauchte, spezielle Ausgaben etc. stand man auf dem Schlauch. Auch gab es damals keine nennenswerte grosse Community, in welcher man fündig geworden wäre, wenn man vor einem bestimmten Problem stand. Ein sinnvolles Verschachteln von Templates war seinerzeit nicht möglich. Stattdessen gab es diese allgegenwärtigen Templatemarker.
Kurz gesagt, ich habe typo3 keine grosse damals Zukunft prognostiziert, zumal es auch fast keine Kundenwünsche dahingehend gab. Mit irgendeiner der 4er Versionen geriet typo3 für mich zusehenends in Vergessenheit, die 6er Version habe ich nicht weiter untersucht, bis ich 2017 in den Genuß kam die Website eines Klavierherstellers, erstellt mit typo3 6.2, zu übernehmen und modernisieren.
Die Site war ca 2014 erstellt worden und umfasst nicht weniger als acht custom extensions. Hier gab es also reichlich zu lernen. Zu meiner Überraschung hatte inzwischen eine neue Templateengine namens Fluid Einzug gehalten und erlaubte erstmalig ein strukturiertes Arbeiten inklusive Versionierung mit Templates. Auch gab es eine neue Methode, eigene Contentelemente zu kreieren, allerdings immer noch nur mit Hilfe der bereits in den Anfangstagen schwer zugänglichen Konfiguration des mysteriösen TCA. Schon vor zwanzig Jahren gab es nur wenig brauchbare Dokumentationen zu diesem CMS. Daran hat sich bis heute zwar Einiges geändert, aber wenn es darum geht, konkrete Beispiele zu finden, ist man nach wie vor damit beschäftigt im Netz nach Lösungen zu suchen. Am brauchbarsten sind die Ergebnisse von stackoverflow. Weniger brauchbar sind Lösungen auf der Seite “typo.net”. Letztere ist eine deutschsprachige Community. Selten sind die Anleitungen verständlich. Oft wundere ich mich darüber, wie Leute es schaffen mit Typoscript zwar Lösungen zu finden, aber nicht in der Lage sind ihre Methoden zu erklären.
Typo3 jedenfalls scheint erwachsen geworden zu sein und kann nun endlich seine Stärken ausspielen. Diese sind meiner Meinung nach das ausgeklügelte Berechtigungssystem für Benutzer, das solide Login Handling und der robuste Umgang mit grossen Mengen an Content.
Erst mit der Version 9 hat endlich das URL-Handling in den Core Einzug gehalten – eine Selbstverständlichkeit für viele andere CMS. Das Gefummel mit der Extension “RealUrl” scheint damit der Vergangenheit anzugehören.
Inzwischen hat sich meine Meinung über typo3 komplett zum Positiven geändert. Die genannten Vorteile zusammen mit der grösseren Verbreitung und der besseren Auffindbarkeit von Problemlösungen haben mich umgestimmt. Die aktuellen Versionen 8 und 9 sind definitv einen Blick Wert. Auch das Backend macht inzwischen einen zeitgemäßen Eindruck.
In einem anderen Post werde ich über meine Erfahrungen mit typo3 aus dem Developer Alltag berichten und meine best practices vorstellen.